Die Deutschen halten CSU-Chef Söder laut einer Umfrage für den besten Kanzlerkandidaten der Union. Seinen Hang nach Überheblichkeit scheint die Bürger nicht zu stören.

08.05.2020 | von Sven Afhüppe

Liebe Leserinnen und Leser,

die Frage, wer der nächste Kanzlerkandidat der Union wird, scheint so weit weg, wie die Frage, wann wieder Fußballspiele vor vollen Zuschauerrängen ausgetragen werden können. Und doch ist das Ergebnis einer aktuellen Umfrage von Infratest dimap zu dieser Debatte mehr als aufschlussreich. Mit 53 Prozent hält eine Mehrheit der Deutschen CSU-Chef Markus Söder für den Mann der Wahl – ein Plus von 22 Prozent.

Die CDU-Politiker Friedrich Merz (33 Prozent) und Armin Laschet (27 Prozent) liegen abgeschlagen hinter Bayerns Ministerpräsidenten, der so oft wie kein anderer Politiker in der Coronakrise betont, alles richtig zu machen. Interessant: Söders chronische Überheblichkeit scheint die Bundesbürger nicht zu stören.

Ein anderes Ergebnis der Umfrage sollte Kanzlerin Angela Merkel und allen Regierungschefs der Bundesländer zu denken geben. Demnach hat sich die Angst der Deutschen vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus innerhalb eines Monats auf nur noch 25 Prozent glatt halbiert. Die gefühlte Leichtigkeit im Umgang mit dem Virus ist gerade nach den jüngsten Lockerungen der Corona-Auflagen mehr als beunruhigend.

Man muss nach dieser Umfrage Zweifel haben, ob die Deutschen mit der neuen Freiheit in den nächsten Wochen verantwortungsvoll umgehen. Wahrscheinlicher ist es, dass die Gesundheitsämter schon bald wieder steigende Infektionszahlen melden.

Die Corona-Pandemie wird mehr und mehr zur Krise der Superlative. Meldungen über Rekordzahlen gehören beinahe zum Tagesgeschäft. Die jüngste kommt aus Großbritannien: So erwartet die Bank of England für das Jahr 2020 einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um 14 Prozent, in den Monaten April bis Juni sogar um 25 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Die Pandemie könnte den stärksten Einbruch der Wirtschaft in der 325-jährigen Geschichte der britischen Notenbank auslösen. Vielleicht sollte Großbritannien die Vorteile des EU-Binnenmarktes doch ein wenig länger nutzen.

Für Deutschland wird ein Rückgang des BIPs in Höhe von sechs Prozent prognostiziert. © dpa

Im Vergleich zu Großbritannien wirkt der prognostizierte BIP-Rückgang von gut sechs Prozent in Deutschland beinahe harmlos. Der Zahlenvergleich zeigt nicht nur die Unterschiede in der Widerstandsfähigkeit beider Staaten. Er zeigt auch den Qualitätsunterschied im Krisenmanagement der Politik zwischen London und Berlin. Bundeskanzlerin Angela Merkel beherrscht das Einmaleins der Krisenbewältigung, Premierminister Boris Johnson übt noch.

Die Konjunkturflaute führt in Deutschland gleichwohl zu einem gigantischen Steuerschwund in den Staatskassen. Nach Informationen meiner Kollegen Martin Greive und Jan Hildebrand rechnen die zuständigen Experten kurz vor der nächsten Steuerschätzung für den Staatshaushalt mit einer Lücke von rund 100 Milliarden Euro im Vergleich zur letzten Prognose. Anders als in den vergangenen zehn Jahren des Wirtschaftsaufschwungs wird Steuergeld zum knappen Gut. Und das nicht nur gefühlt (für Politiker gibt es nie genug Geld), sondern faktisch.

Um eine große Depression („Great Depression“) wie in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts zu verhindern, empfehlen die Ökonomen Michael Hüther (Institut der deutschen Wirtschaft) und Sebastian Dullien (Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung) der Regierung ein milliardenschweres Investitionsprogramm.

Konkrete Ideen haben die Wissenschaftler genug: Bessere Abschreibungsbedingungen für Unternehmen, Aufbau einer Lade-Infrastruktur für E-Autos, mehr Geld fürs Gesundheitswesen, Entwicklung einer digitalen Infrastrukturgesellschaft und, und, und. Die Kosten ihres Konjunkturprogramms beziffern die Ökonomen nicht. Zur Finanzierung plädieren sie allerdings für zusätzliche Kredite. Die Zeit der „Schwarzen Null“ ist auf absehbare Zeit vorbei.

Über den gewaltigen Schuldenanstieg infolge der Coronakrise reden mein Kollege Moritz Koch und ich heute mit Kristalina Georgiewa. Die neue Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) ist eine der wichtigsten Hüterinnen des Weltfinanzsystems. Wenn Sie Fragen an die IWF-Chefin haben, schicken Sie mir einfach eine Mail: afhueppe@handelsblatt.com. Die drei originellsten Fragen legen wir Kristalina Georgiewa vor.

Sie können Ihre Fragen an die IWF-Chefin Kristalina Georgiewa per Mail einsenden. © dpa

Während viele Unternehmer wegen der Coronakrise Existenzsorgen plagen, blicken die Chefs des Berliner Online-Modehändlers Zalando, Robert Gentz, David Schneider und Rubin Ritter, optimistisch nach vorne. Zalando will in diesem Jahr um 10 bis 20 Prozent wachsen, selbst eine zweite Infektionswelle oder ein neuerlicher Shutdown seien verkraftbar, erklärte das Führungstrio im gemeinsamen Interview mit dem Handelsblatt.

Auf Gewinnausschüttungen können Aktionäre dennoch nicht hoffen. „Mit dem Thema Dividende sind Sie tatsächlich bei uns an der falschen Adresse. Wir stecken alles in Wachstum und Investitionen“, sagte Rubin Ritter. Die Ankündigung wirkt wie ein Loyalitätstest für alle Zalando-Aktionäre. Ein Trost bleibt: Der Aktienkurs des Online-Händlers hat sich seit Ausbruch der Coronakrise fast verdoppelt.

Keine Branche ist durch die Corona-Pandemie so in Turbulenzen geraten wie die Luftfahrtindustrie. Die Airlines brauchen milliardenschwere Staatshilfen, Flughäfen rutschen in die Verlustzone und die Flugzeughersteller streichen Tausende von Arbeitsplätzen. Die Handelsblatt-Titelgeschichte „Im Blindflug“ analysiert, mit welchen Konzepten die angeschlagene Branche ihre Existenz sichern will. Für einige Firmen könnte es dennoch der letzte Aufruf sein.

Und dann ist da noch Jacques Herzog. Der Star-Architekt hat das Olympiastadion in Peking gebaut, das Tate Modern in London und die Elbphilharmonie in Hamburg. Im Interview mit dem Handelsblatt spricht Herzog über die Folgen der Corona-Pandemie, die Illusion vom effizienten Homeoffice und die Zukunft unserer Metropolen. Sein Appell: „Wir müssen die Stadt neu denken.“ Und das ist erst der Anfang.

Ich wünsche Ihnen einen dialogreichen Tag.

Sven Afhüppe
Chefredakteur

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